K12 GALERIE | MICHAEL MITTERMAYER "Nachtrag zur Arlberg-Affaire" | 11.12.2009 - 10.1.2010
„Arlberg-Affaire“ | 22,5 x 31,5 cm | Mischtechnik | 20 Stück „Arlberg-Affaire“ | 22,5 x 31,5 cm | Mischtechnik | 20 Stück

„Arlberg-Affaire-Archiv 28a + 28b“ | 60 x 40 cm | Fotografie „Arlberg-Affaire-Archiv 25“ | 60 x 40 cm | Fotografie


Die Lücken des Unsichtbaren und deren Ergänzung
Michael Mittermayers Nachlese zur „Arlberg-Affaire“


„Es kann nur wenig Spannenderes geben, als das Entdecken neuer Länder“, notierte Julius von Payer, der Polarforscher und Wiederentdecker des Franz-Joseph-Landes, über seinen Vorstoß nach Norden. „Unermüdlich erregt das Sichtbare das Kombinationsvermögen über die Konfiguration, und die Phantasie ist rastlos beschäftigt, die Lücken des Unsichtbaren zu ergänzen.“ 1 Die Lücken des Unsichtbaren ergänzen, das will auch Michael Mittermayer. In seiner Ausstellung in der Bregenzer Galerie K12 präsentiert er die Nachlese jenes Materials, das anlässlich der Produktion seiner vergangenen Sommer im Rahmen des Ausstellungsprojektes zum 125-jährigen Jubiläum der Arlbergbahn im Kraftwerk Spullersee gezeigten Ausstellung „Arlberg-Affaire“. Mittermayer geht – wie oft in seiner Arbeit – der Frage nach, welche Lücken noch offen sind und wie er diese zu ergänzen gedenkt.

Sammler, Archivar, Beobachter.

Michael Mittermayer ist ein Sammler, Archivar und Beobachter. Seit nahezu fünfzehn Jahren geht er mehrmals jährlich die Bahnstrecke zwischen Bludenz und Langen zu Fuß ab. Er lenkt seinen Blick auf das Unspektakuläre, das Verlassene, das Eigenwillige. Er fotografiert und dokumentiert es. Da findet sich ein toter Waldkauz, eine verlassene Kabelrolle, eine aufgelassene Modelleisenbahnanlage, ein ehemaliger Donau-Leuchtturm, der früher in Wien stand, an der Alfenz wiederaufgebaut worden war und mittlerweile entfernt wurde, der Schwemmbecken des Kraftwerks Spullersee, ein Wohnhaus für Arbeiter, Bienenhäuser, Wandbeschriftungen, verlassene Bahnwärterhäuschen.
Seine Entdeckungen und Fundstücke legt Mittermayer in Archiven an, die umfangreiche Materialsammlung ordnet er nach einem eigenen Ordnungssystem, das wiederum sein Ordnungsprinzip definiert. Die Fundstücke werden chronologisch geordnet, inventarisiert, klassifiziert, beschlagwortet. Die Frage, die den französischen Autor George Perec lange beschäftigte – er widmete sich in seinen Werken immer wieder dem Themenfeld der Ordnung und des Ordnens – scheint auch Mittermayer nicht fremd: „Denke ich vor dem Klassifizieren ? Klassifiziere ich vor dem Denken? Wie klassifiziere ich, was ich denke? Wie denke ich, wenn ich klassifizieren will?“ 2 Wie Perec stellt Mittermayer durch eine Umdrehung der Wertigkeiten und Schwerpunkte scheinbar Eindeutiges in Frage.

Mittermayer schöpft laufend aus seinem weitläufigen Fundus. Für die Ausstellung hat er erstmals aus seinem enormen Fotoarchiv einzelne Bilder isoliert und kopiert, um sie als eigenständige Fotoarbeit zu präsentierten. Aber auch hier kommt seine archivarische Vorgehensweise durch. Die Fotoserie heißt „Arlberg-Affaire-Archiv 00 –29“ und wird gewissermaßen zum Archiv im Archiv.

Uhu und Deckweiß. Nichts bleibt stehen und alles ist verwickelt und vernetzt. In filigranen Papierarbeiten im A4-Format verarbeitet er kopierte Fotos aus dem eigenen Archiv, Zeitungsausschnitte, Listen mit Flurnamen, toponomastische Forschungsergebnisse, Listen mit topografischen oder botanischen Daten. Sie werden geschnitten, collagiert, geklebt und zusammengeführt mit den Blättern aus einem Probedruck seiner in kleinster Auflage erschienenen Publikation zur „Arlberg-Affaire“. Denn alles wird wiederverwertet, weil alles weiterentwickelt, überarbeitet, übermalt, überzeichnet, über- und untereinander gelagert wird. Das freihändige Arbeiten bleibt immer sichtbar.
Obwohl Michael Mittermayer den Computer in seinem Zweitberuf als Grafiker und Buchgestalter durchaus einzusetzen versteht, trennt er die Arbeitsweisen klar. Die Technikdefinition der neu entstandenen Blätter resumiert seine Vorgangsweise: „Digitaldrucke auf Salzer Eos sowie Farbkopien auf unterschiedlichen Papierqualitäten, Schere, Cutter, Uhu, Blei-, Tinten- und Farbstift, Aquarell und Deckweiß, Zeitungsausschnitte und Schablonen, 2009“.

Die Blätter bilden einen neuen Kosmos, werden zu organischen, schablonenhaften, filigranen, durchscheinenden Gebilden, zu Abbildern jener komplexen Netzwerke, die für Mittermayers Arbeit so charakteristisch sind. Es ist niemalsdie große Geste, die hier manifest wird, der Künstler nimmt sich zurück, lenkt den Blick auf die kleinen, kaum wahrgenommenen Dinge. Einmal entstehen so symmetrische Konstrukte, ein anderes Mal spielerische Kabinettstücke. Auf die Frage, ob seine Ordnungssysteme mehr Charakterzug oder künstlerische Strategie seien, antwortet Mittermayer: „Sie sind für mich gleichzeitig Ergebnis und Arbeitsweise“. Was zunächst paradox erscheint wird zur „vorbereiteten Umgebung“ für immer neue, assoziative Spielfelder und bietet eigenständigen Weiterentwicklungen uneingeschränkten Entfaltungsraum.

Stefania Pitscheider Soraperra
November 2009

1) Die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition in den Jahren 1872–1874, nebst einer Skizze der zweiten deutschen Nordpol-Expedition 1869–1870 und der Polar-Expedition von 1871. Time-Life-Edition, Amsterdam 1983.
2) Georges Perec: «Penser/Classer», in: Le Genre humain, 2.1982, S. 111–127

michael mittermayer

geboren 19. August 1961, Innsbruck
1979-1982 Ausbildung zum Siebdrucker
1993 Mitglied Design Austria, DA
1994 freischaffender Künstler
1996 Mitglied Berufsvereinigung der bildenden Künstler Vorarlbergs
Einzelausstellungen (Auswahl)
2009 K12 Galerie, Bregenz/A
2007 Galerie im Andechshof, Innsbruck/A
2006 K12 Galerie, Bregenz/A
KUB-Billboards, Kunsthaus Bregenz/A
2005 Kunstverein A4, Feldkirch/A
Gruppenausstellungen (Auswahl)
2009 „125 Jahre Arlbergbahn 1884 – 2009“,
„Portrait“, Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis, Bregenz/A
Galerie allerArt, Bludenz/A, Spullerseekraftwerk Wald am Arlberg/A
2008 „Vorlieben – 20 Jahre allerArt Bludenz“, Galerie allerArt, Bludenz/A
2007 „Art & Absinth“, K12 Galerie, Bregenz
„Kunst in die Psychiatrie“, Otto Wagner Spital, Wien
„Das Gute muß nicht immer das Böse sein“, Kunstraum Engländerbau, Vaduz/FL
2006 „Rückblick 2006“, K12 Galerie, Bregenz
„Graphikschau“, Galerie Ardizón & Editionswerkstatt, Bregenz/A
2005 „Unendliche Vielfalt – Marchesa Luisa Casati“, Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis, Bregenz/A
„Bergheimat – der beanspruchte Grund“, Nenzing/A
„Heimat.kunde“, Palais Liechtenstein, Feldkirch/A
„Stadtkraxen“ von Marion Gasser, Galerie Lisi Hämmerle, Bregenz/A
Editionen (Auswahl)
2009 „Arlberg-Affaire“, Eine Datencollage zum 125 Jahre Jubiläum der Arlbergbahn
Digitaldruck, 50 Blätter, handgebunden, mit eingeklebten Original-Fotografien,
Auflage 1/8 – 8/8, signiert, nummeriert und benannt nach den Haltestellen entlang der Westrampe,
Hrsg.: Michael Mittermayer
2006 „oT“, Serigraphie, Hrsg.: Vorarlberger Wirtschaftskammer, Auflage 250/250
2005 „Landschaftselemente“, Mappe zu 21 Blätter, Serigraphie, Auflage 10/10,
Hrsg.: Michael Mittermayer
Werke im öffentlichen und privaten Besitz
Stipendium
1996/1997 „Pirgi“, Stipendium des Landes Vorarlberg auf der Insel Chios, Griechenland.
Publikationen
2008 „Galerie im Andechhof 2007“, Hrsg.: Kulturamt der Stadt Innsbruck, MA V
2007 „Hans Haid: Mythos Lawine, Eine Kulturgeschichte“, Studienverlag Innsbruck, Wien, Bozen
„Das Gute muß nicht immer das Böse sein“, Kunst aus Vorarlberg
Hrsg. Karlheinz Pichler, Zürich/CH, Bucher Verlag 2007
Auszeichnungen
2008 „Austern im Schnee und andere Sommergeschichten“, Bucher Verlag 2008
Gestaltung: René Dalpra/Michael Mittermayer, Die 15 schönsten Bücher Österreichs 2008

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