CeCe:
"still LEBEN" Vernissagerede von Karlheinz Pichler
am 3.10.2003 K12
Das Konzept, dass sich Werner Bösch für seine Galerie K12 zurecht
gelegt hat, ist genauso simpel wie grenzenlos: Junge, zeitgenössische,
gute Kunst. Es gibt, wie er sagt, weder Einschränkungen in Bezug
auf künstlerische Stilmittel, noch auf Werkstrategien, noch auf Methoden,
geschweige denn auf disziplinenmässige Herkunft der Künstlerinnen
und Künstler. Einziges Kriterium, das zählt, sei die Qualität
des Gebotenen.
Ob er diesem Anspruch
über einen langen Zeitraum genügen kann, sei dahingestellt,
jedenfalls scheint er für seinen in jeder Hinsicht von Pluralität
getragenen Ansatz eine ideale Initialisierungsausstellung gefunden zu
haben.
Denn das Künstlerpaar Christoph und Christine Sauter, die seit
Jahren unter dem Logo CeCe öffentlich in Erscheinung treten, bewegen
sich formal übergreifend und subtil in einem Überhand nehmenden
Spannungsfeld der digitalen und analogen Welten. In ihrem künstlerischen
Kosmos kann das klassische Tafelbild dabei genauso Mittel zum Zweck
sein, wie die moderne Videotechnik und Elektronik, die Fotografie, oder
textuelle und kontextuelle Zeichenstrukturen.
Die Arbeiten von
CeCe muten formal auf den ersten Blick radikal einfach an, sind inhaltlich
aber überaus vielschichtig und mehrdeutig. Sowohl die Text-Bild-Modellierungen
wie auch die Videoarbeiten reflektieren in ihrer semantischen Pluralität
sowohl gesellschaftskritische Anliegen wie auch kunstimmanente Aspekte,
sie verweisen auf sprachphilsophische Probleme und frönen in gleichem
Masse der subtilen Ironie und dem intelligenten Spass.
Die Ausstellung
in der Galerie K12 überschreibt sich schlicht mit "see you".
Hinter dieser offensichtlichen Anrede kann man auch eine Umkehrung vermuten,
nämlich die Aufforderung zum Betrachten.
Die Ambilavenz des Betrachtens stellt jedenfalls einen zentralen Untersuchungsgegenstand
dieser hier gezeigten Werke dar. Es geht um Antagonismen, um die Spannungsfelder
zwischen dem bildnerischen und sprachlichem Zeichen und dem bezeichneten
Objekt oder Gegenstand.
Am Beispiel des "Drecks" sei dies veranschaulicht: Dreck muss
als Synonym für alles Mögliche herhalten. Dreck selber aber
kann nach Auffassung von CeCe nicht dreckig werden, denn er materialisiert
genau das, was er ist, nämlich nicht mehr und nicht weniger als
"Dreck". Und damit befindet sich Dreck im Grunde genommen
in einem sauberen Zustand. Um diesem Anspruch nachzuhelfen erheben CeCe
den Dreck in den Kunstkontext und führen ihn sozusagen auf einem
sauberen Präsentierteller vor.
"CeCe problematisieren die scheinbare Trivialität des Gegenständlichen
und des Unbefragten." (Heinz Gappmayr)
Sie lösen beim Betrachter auf scheinbar triviale Art und Weise
die Handbremse zum anderen Sehen.
Ein weiteres Beispiel
von Bedeutungsverschiebung und Bedeutungsentsprechung ist das als Textbildmodell
auf Plexiglas aufgezogene Wörtchen "Teil", dessen I-Punkt
durch die Silbe "Ur" ersetzt wurde, was die Lesart des Wortes
in Richtung "Urteil" mit sich bringt. Durch die Teilung des
Wortes Ur-Teil soll von der überwiegend implikativ-juristischen
Bedeutung des Begriffes abgelenkt und auf das allgemeine Phänomen
des Beurteilens verwiesen werden. Und Urteil als geistiges Produkt eines
Wechselwirkungsprozesse aus Betrachtung, Erkenntnis, Erfahrung und Tradition
offen legt.
Die Identität
eines Wortes, eines Gegenstandes, eines Zeichens wird von Cece permanent
in Frage gestellt. Die Bedeutungen kippen unentwegt. Etwas kann gleichzeitig
sein Gegenteil oder überhaupt etwas völlig anderes sein.
Das kann auch am hier gezeigten Video-Loop nachvollzogen werden, an
dem sich die Lippenpartie der Darstellerin durch Anpressen an eine Fensterschreibe
fratzenhaft verzerrt. Sind diese fleischwülstigen Verdrehungen,
die von unangenehmen Dreck-Matschgeräusche akkustisch verstärkt
werden, ästhetisch oder hässlich, erotisch oder eklig? In
der Konfrontation von Ästhetik mit nichtästhetischen Formen
geht es letztlich um eine diskursive Auseinandersetzung mit Oberlächlikeit
und Tiefgang, oder wie sich der Schein im Sein ausdrückt.
Mit ihren subtil konstruierten Bildern und Bildsprachmodellierungen
gelingt es Cece immer wider, die Betrachter zu irritieren und vor den
Kopf zu stossen. Sie relativieren die allgemeinen Konventionen des Verhaltens
und Betrachtens, ja führen diese ad absurdum.
Karlheinz Pichler
03.10.2003 Bregenz
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